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Schwestern im Geiste: "Breaking the Waves" und "Dialogues des Carmélites" - zwei Opern, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Szenenfoto aus Dialogues des Carmélites - Foto: Felix Grünschloß

In beiden Opern steht eine junge Frau im Spannungsfeld zwischen Religion und Realität und geht selbstaufopfernd in den Tod. Diese Entwicklung wird allerdings von zwei extremen Seiten aufgerollt: Während die junge Adelige Blanche de la Force in Zeiten der Französischen Revolution ins Kloster flieht und im Getriebe der Schreckensherrschaft zu innerer Stärke findet, wählt rund 200 Jahre später an der öden Küste Schottlands die frischverheiratete Bess das Martyrium sexueller Aufopferung – in dem Glauben, dadurch Gottes Willen zu folgen und ihren schwerkranken geliebten Ehemann Jan heilen zu können.

Doppelpremiere

Wie kommt es, dass im Staatstheater zwei Opernproduktionen gleichzeitig entstehen?
„Ausgangspunkt für diese Idee war die Tatsache, dass in Dialogues des Carmélites hauptsächlich Frauen und Frauenchor besetzt sind, während Breaking the Waves vor allem in einer Männerwelt spielt. Und auch die Rollenverteilung im Ensemble fügte sich für beide Opern auf wunderbare Weise“, erklärt Operndirektor Christoph von Bernuth. „Hinzu kommt, dass Poulencs Oper natürlich ins Große Haus gehört, während für Breaking the Waves die Intimität des Kleinen Hauses perfekt ist.“ Für den begeisterten Cineasten war sofort klar, dass er diese Oper selber inszenieren würde, denn ihre Vorlage stammt von dem prominenten dänischen Filmemacher Lars von Trier: Sein vielfach ausgezeichneter Film Breaking the Waves aus dem Jahre 1996 schrieb Filmgeschichte – und inspirierte noch zwei Jahrzehnte später die amerikanische Star-Komponistin Missy Mazzoli, eine Oper daraus zu machen: „Diese Geschichte vereint alles: Große Schönheit mit großer Tragik. Bess bekommt von allen gesagt, was sie zu tun hat, alle wissen es besser als sie. Sie fügt sich dem aber nicht, sondern geht ihren eigenen Weg. Dafür eine musikalische Übersetzung zu finden, war eine großartige Aufgabe.“

Wie der Film war auch die Opern-Uraufführung von Breaking the Waves 2016 in Philadelphia ein durchschlagender Erfolg: „Es ist nicht leicht, neue Opern zu finden, die Aufmerksamkeit erregen, ihre Geschichte klar erzählen und eine kraftvolle, durchdringende Stimmung schaffen. Düster und wagemutig schafft Breaking the Waves all dies mit Feingefühl und Stil“, rühmte die New York Times.

Goldene Herzen

Breaking the Waves zählt zu Lars von Triers „Golden Heart-Trilogie“ – und daran, dass Bess ein goldenes Herz hat, hegt schon auf der Leinwand der Arzt Dr. Richardson keinen Zweifel: „Wenn Sie mich heute nach meiner Diagnose fragen würden, so würde ich statt ‚neurotisch‘ oder ‚psychotisch‘ einfach sagen: Gut. Ja. Gut.“
Poulencs 1957 in Mailand uraufgeführte Oper Dialogues des Carmélites schöpft wiederum ihren Stoff aus dem wahren Leben und Sterben von 16 Schwestern des Karmelitinnen-Ordens im Kloster von Compiègne, deren reale Namen sich teils bis ins Libretto erhalten haben. Die Figur der Blanche allerdings ist Fiktion: Als ihre Ordensschwestern den Gang auf das Schafott antreten müssen, reiht sie sich freiwillig unter die Verurteilten ein, leidet buchstäblich mit. Auch Blanche hat also gewissermaßen ein goldenes Herz; für Regisseurin Andrea Schwalbach erzählt dieses Stück aber vor allem von Mut: „Von weiblichem Mut, geboren aus Angst und Unterdrückung. Dieser Mut kostet sie am Ende alle das Leben.“

Die Rolle der Religion

Religion spielt letztlich für Bess eine substantiellere Rolle als für Blanche, die im Kloster vor allem Schutz und Geborgenheit sucht. „Bess ist zutiefst gläubig“, so Dramaturgin Anna-Teresa Schmidt. „Gott ist ihr Berater, ihr Halt. Er ist ein untrennbarer Teil von ihr, fährt buchstäblich in ihren Körper, wenn sie mit ihm spricht.“ Sei dies nun Einbildung oder Realität: Bess handelt in einem tiefen Gottvertrauen, das von der calvinistischen Engstirnigkeit ihrer Heimat geprägt ist. Auch sie bezahlt ihre Aufopferungsbereitschaft mit dem Leben, ohne zu erfahren, dass ihr geliebter Jan allen Prognosen zum Trotz wieder gesund wird: Führte ihr unbeirrtes Handeln also letztlich zum Ziel?

Wenngleich beide Opern tödlich enden, so stirbt doch auch hier die Hoffnung zuletzt und wird beiden Frauen posthum höhere Gerechtigkeit zuteil: Während Bess auf geheimnisvolle Weise himmlisch gesegnet wird, wurden die im Juli 1794 auf dem Schafott hingerichteten Karmelitinnen von Papst Franziskus im Dezember 2024 heiliggesprochen.


Breaking the Waves 
Oper von Missy Mazzoli
wieder am 29. & 31.1.
Weitere Infos & Termine finden Sie hier.

Dialogues des Carmélites
Oper in drei Akten von Francis Poulenc
wieder am 6. & 15.2.
Weitere Infos & Termine finden Sie hier.